Kommentar der Kinderspiel-Koordinatorin Sabine Koppelberg zum Spielejahrgang 2018

Spielen ist nachweislich ein Grundbedürfnis des Menschen. Kinder stillen dieses Grundbedürfnis so oft sie können. Würfeln und über Brettspielen grübeln – das war bereits in der Antike ziemlich angesagt. Man würfelte mit Astragalen und spielte Lege- oder Laufspiele auf Spielplänen, die kurzerhand in Treppenstufen eingeritzt wurden. Das Material war oft auf das Wesentliche reduziert, der Spielspaß dennoch hoch. 
Dieser natürlich Drang der Kinder zu spielen ist bis heute unverändert. Ebenso der Wunsch nach viel Spaß beim Spielen. Und das ist auch die Zielsetzung der Spieleautoren von heute. Dabei entwickeln sie zur Freude der Kinder immer detailreicheres Material und raffiniertere Mechanismen. Davon konnten wir uns auch in diesem Jahrgang überzeugen. Über 160 Kinderspiele hat jedes Jurymitglied von den Verlagen erbeten und in zahlreichen Partien zusammen mit Kindern und Familien gespielt – zuhause, in der Kindertagesstätte, in der Schule.

Unser Fazit: Der Spielejahrgang 2017/2018 bietet insbesondere für die Altersklasse der 5 bis 7-Jährigen eine große Auswahl. Was die Spielmechanismen angeht, überwiegen eindeutig Geschicklichkeits- und Gedächtnisspiele, während das klassische Laufspiel und kindgerechte Kartenspiele auch in diesem Jahrgang eher Mangelware sind. Thematisch haben sich die Autoren ausgesprochen häufig auf Geschichten rund um das klassische Märchen konzentriert. Daneben begegnen uns wieder viele Tiere, darunter jede Menge Dinosaurier und Wesen aus der Geister- und Fantasywelt: putzige Gespenster, nächtliche Gestaltwandler und unerschrockene Superhelden.

Nicht ganz so helden- und märchenhaft sehen wir die Umsetzung vieler Spiele in diesem Jahrgang. Schon nach wenigen Spielrunden wurden kritische Punkte deutlich: Außergewöhnliche Spielideen, bei denen verschiedene Mechanismen auf den ersten Blick sehr reizvoll miteinander kombiniert wurden, sind nicht richtig austariert. Da unterfordert beispielsweise der Geschicklichkeitsanteil die Kinder, während das Memo-Element zu anspruchsvoll ist. Oder die Kinder sind nicht in der Lage, das Zubehör zu benutzen. Sie benötigen Hilfe, um nicht exakt gearbeitete Holzblöcke mit Spielfiguren zu überwinden oder eine Schiene aus Pappe im Spielplan zu verschieben. Gerade Spielmaterial aus Pappe war leider häufig nicht stabil genug produziert, um viele Partien auszuhalten, so dass beispielsweise Bäume, Berge oder Vulkane schon nach wenigen Runden verknickten oder Ecken ausgefranst waren. 

Am meisten geärgert haben uns in diesem Jahr allerdings fehlerhafte Regeln ohne eine sorgfältige redaktionelle Überarbeitung. Gerade bei den internationalen Verlagen führten teils irreführende und lückenhafte Übersetzungen zu Ratlosigkeit und frustriertem Achselzucken am Spieltisch. Hier rein intuitiv richtig zu spielen - das schafften nur spielerfahrene Erwachsene. Einige außergewöhnliche und umwerfende Spielideen, die wir und die Kinder richtig toll fanden, haben es deshalb nicht auf unsere Empfehlungsliste geschafft. Das ist unglaublich schade, zumal diese Defizite schon nach der ersten Partie offensichtlich waren. Hier fragen wir uns, woran das liegt? Stehen die Verlage oder der deutsche Vertrieb tatsächlich unter solch hohem Druck, dass sie die Neuerscheinung mit der heißen Nadel gestrickt in den Markt pumpen müssen?
Weitere an sich rundum überzeugende Neuerscheinungen haben es nicht auf unsere aktuelle Liste geschafft, weil deren flächendeckende Verfügbarkeit im Handel zum heutigen Zeitpunkt nur marginal beziehungsweise noch gar nicht garantiert ist. Auch das ist sehr schade.

Aus diesen Gründen haben wir die maximale Zahl von 10 zu empfehlenden Kinderspielen in diesem Jahr nicht voll ausgeschöpft, dafür aber acht sehr unterschiedliche Spiele für Kinder zwischen fünf und sieben Jahren ausgewählt, von denen wir hoffen, dass sie möglichst vielen Kindern lange Freude bereiten. 
Darunter die drei Kandidaten für die Auszeichnung „Kinderspiel des Jahres 2018“, die uns ganz besonders überzeugt haben, mit einer ungewöhnlichen Spielidee, einem verständlichem Regelwerk, stabilem, kindgerechten Spielmaterial und vor allem jeder Menge Spielspaß für Kinder und ältere Mitspielende.

Mit Emojito! kommt zum wiederholten Male der Günzburger Verlag Huch! & friends mit einem Kinderspiel in die spannende Endrunde. Dem Autor Urtis Šulinskas gelingt es zusammen mit dem Illustrator Tony Tzanoukakis ganz viel Gefühl in dieses witzige, kindgerechte und variantenreiche Partyspiel für Kinder ab 7 Jahren zu packen. 

Funkelschatz ist eine Familienproduktion von Lena und Günter Burkhardt. Hier haben Tochter Lena und ihr als Spieleautor überaus erfolgreicher Papa eine wunderbar atmosphärische Drachenfamiliengeschichte geschaffen, das der ebenso (kinder)spielerfahrene Verlag Haba vorbildlich als Sammelspiel für Kinder ab 5 Jahren umgesetzt hat.

Mit Panic Mansion schafft es der französische Verlag Blue Orange erstmals aufs blaue Treppchen, denn die beiden Autoren Asger Sams Granerud und Daniel Skjold Pedersen haben mit einem genial einfachen Schüttelmechanismus ein Geschicklichkeitsspiel entwickelt, das mit verschiedenen Varianten Kinder ab 6 Jahren und Erwachsene herausfordert.

Wir gratulieren allen Autoren, Grafikern und Verlagsvertretern schon jetzt ganz herzlich zu ihren tollen Spielideen.

Welches der drei Spiele unsere Auszeichnung zum Kinderspiel des Jahres 2018 erhalten wird, ist noch offen. Darüber entscheiden wir in geheimer Wahl kurz vor der Preisverleihung am 11. Juni 2018 in Hamburg.

Bis dahin werden wir – und vielleicht auch Sie – die drei Kandidaten noch einmal mit vielen Kindern und viel Freude spielen.

Sabine Koppelberg
Koordinatorin der Jury „Kinderspiel des Jahres“