Kommentar der Jury-Koordinatorin zum Kinderspiele-Jahrgang 2017

Fragt man Kinder, warum sie gerne spielen, antworten sie fast immer wie aus der Pistole geschossen: „Na, weil‘s Spaß macht!“ So einfach ist das, denn was manchem Erwachsenen im Laufe der Jahre verloren geht, ist bei Kindern noch ausgeprägt und ungebremst: der natürliche, zweckfreie Spieltrieb.

Bei der Frage nach ihren Lieblingsspielen nennen jüngere Kinder mit Titeln wie „Obstgarten“, „UNO“ oder „Wer war’s?“ drei Klassiker unter den Kinderspielen. Doch was macht ein Spiel zum Klassiker? Als „klassisch“ bezeichnen wir im allgemeinen etwas, was wir für mustergültig, formvollendet und harmonisch halten. Ein Klassiker verfügt über einen hohen überregionalen Wiedererkennungswert, und es wird ihm eine hohe Qualität und großes Innovationspotential zugestanden. Dies sind kulturübergreifende Kriterien, die auch für gute Spiele gelten und aus der breiten Masse herausheben. 

Solche guten Spiele, die den Spieltrieb vieler Kinder möglichst lange fordern und fördern, suchen wir unter den vielen jährlichen Neuerscheinungen. Deren Menge hat auch im Jahr 2016/17 nicht abgenommen. Rund 160 neue Kinderspiele hat jedes Jurymitglied von den Verlagen erhalten und etliche Male in eigenen, unterschiedlichen Spielgruppen gespielt: mit Kindern in kleiner Familienrunde, in Kindertagesstätten und in Schulen.

Der Spielejahrgang 2017 ist vielfältig: Nahezu jede Altersgruppe wird angesprochen: Schon für unter 2-Jährige finden sich Spielideen, bis hin für Kinder ab acht Jahren. Der überwiegende Teil an Neuerscheinungen fällt nach wie vor in unsere Kernzielgruppe für Kinder zwischen vier und sechs Jahren. Hier fokussieren sich die Autoren und Verlage vorwiegend auf typische Themen für Kinder: jede Menge Tiere, darunter durchaus den ein oder anderen schrägen Vogel, mutige Piraten und Abenteurer und magische Wesen wie kleine Zauberlehrlinge, schusselige Hexen und mehräugige Geister. Dabei dominieren diesmal Spielmechanismen rund um Geschicklichkeit und Gedächtnisleistung gegenüber klassischen Lauf- und Taktikspiele und einigen wenigen Kartenspiele.

Im vergangenen Jahr hatten wir den Verlagen an dieser Stelle ans Herz gelegt, mehr Sorgfalt bei der korrekten Altersangabe walten zu lassen. In diesem Jahrgang haben wir da wenig zu meckern, im Gegenteil: So manches Spiel funktioniert auch schon mit jüngeren Kindern als auf der Schachtel angegeben. Auch unserem Wunsch nach verständlichen Spielregeln folgen scheinbar immer mehr Redaktionen. Viele Entwickler setzen dabei immer häufiger auf anschauliche bildhafte Erklärungen. Das freut uns besonders. Schade nur, dass auch in diesem Jahr hinsichtlich des Spielmaterials mal wieder nicht alles rund lief – vor allem bei erfahrenen Spieleverlagen. Auf den ersten Blick sehr reizvolle, raffinierte Aufbauten und innovative Mechanismen entpuppten sich im praktischen Spielbetrieb mit Kindern als äußerst fehlerbehaftet und nahezu unspielbar. Schon in den ersten Spielrunden waren diese Mängel so offensichtlich, dass wir uns fragen, ob diese Spiele überhaupt jemals mit der Zielgruppe getestet wurden. Da hilft es wenig, in der zweiten Auflage nachzubessern. Viele Verbraucher und vor allem die enttäuschten Kinder geben solch einem Spiel keine zweite Chance.

Umso schöner, dass wir dennoch auch in 2017 nach etlichen Spielrunden wieder 10 herausragende, sehr unterschiedliche Spiele für Kinder zwischen drei und sieben Jahren entdecken konnten. Dabei ist mal wieder für nahezu jeden Spielegeschmack etwas dabei: je ein Würfel-, Karten- und Suchspiel, ein Tast- und Deduktionsspiel, sowie mehrere Gedächtnis- und Geschicklichkeitsspiele.
Diese zehn Spiele erfüllen in hohem Maße unsere gewünschten Kriterien nach einer originellen Spielidee mit hohem Spielreiz und lang anhaltendem Spielspaß. Das Material dieser Spiele ist kindgerecht gestaltet und so stabil produziert, dass es vielen Partien standhält. Die Spielregel ist klar formuliert und die Grafik ansprechend für Kinder. Mit dabei sind erstmals Spieleverlage aus der europäischen Nachbarschaft: die Schweizer Game Factory und die französischen Spielentwickler Iello und Blue Orange.

 

Für drei der empfehlenswerten Spielideen wird es jetzt richtig spannend: Sie sind ab heute die offiziellen Anwärter auf die Auszeichnung „Kinderspiel des Jahres 2017“. Alle drei Nominierten entführen Kinder ab sechs Jahren in eine fantasievolle, atmosphärisch gestaltete Welt.

Mit "Captain Silver" schafft es der Troisdorfer Verlag Queen Games zum wiederholten Male aufs Treppchen. Das erfahrene Autorenduo Wolfgang Dirscherl und Manfred Reindl interpretiert das klassische Tastspiel völlig neu und kombiniert verschiedene Spielebenen zu einer spannenden Schatzjagd.

"Der Mysteriöse Wald" aus dem französischen Verlag Iello (Vertrieb: Hutter Trade) adaptiert die Comic-Reihe "Wormworld Saga" des deutschen Illustrators Daniel Lieske auf unnachahmliche Weise: Der Verlag geht mit seiner Gestaltung neue Wege bei Kinderspielen und Autor Carlo A. Rossi hat ein sehr spannendes kooperatives Merkspiel kreiert.

"ICECOOL" ist, wie es der verantwortende Verlag Amigo auf den Karton gedruckt hat, ein Familienspiel. Aber in unseren Augen ist es auch ein saucooles Geschicklichkeitsspiel für Kinder. Dem Autor Brian Gomez gelingt es hier spielend, dass man auch zuhause Bock auf Schule haben kann.

 

Wir gratulieren allen Autoren, Grafikern und Verlagsvertretern schon jetzt ganz herzlich zu ihren tollen Spielideen und der Platzierung auf dem Siegertreppchen.
Wer letztlich ganz oben stehen wird, ist noch völlig offen. Darüber entscheiden wir erst kurz vor der Preisverleihung am 19. Juni 2017 in Hamburg, wie immer in geheimer Wahl. Bis dahin freuen wir uns auf weitere intensive, vergnügliche Spielrunden mit allen drei Kandidaten.

Mögen möglichst viele unserer diesjährig empfohlenen Kinderspiele zu echten Klassikern werden und die Freude am gemeinsamen Spielen fördern, ganz egal, wie eine Spielrunde auch ausgeht!

 

Sabine Koppelberg
Koordinatorin der Jury „Kinderspiel des Jahres“