Kommentar des Jury-Vorsitzenden Tom Felber zum Spielejahrgang 2017

Immer im Mai schließt sich die Jury „Spiel des Jahres“ mehrere Tage lang in einen Sitzungsraum ein, um dort an einer fast unmöglichen Aufgabe herumzuknobeln: Erst wenn die Jurymitglieder diese Aufgabe gemeinsam gelöst und die richtige Kombination zusammen gepuzzelt haben, öffnen sich die Türen und sie dürfen den Ort wieder verlassen. Die Aufgabe besteht darin, den Spielejahrgang auf eine sinnvolle Zahl von qualitativ erfreulichen Spieletiteln zu reduzieren, die eine möglichst große Vielfalt an verschiedenartigen Spielsystemen abbilden. Denn jedes Kind, jede Frau und jeder Mann soll auf unserer Empfehlungsliste mindestens ein Spiel vorfinden, das genau für es, sie oder ihn „passt“. 

In diesem Jahr haben wir 27 herausragende Spiele auf unsere Empfehlungs- und Nominierungslisten gepackt. Das geschah erneut in unseren drei bekannten, farblich gekennzeichneten Kategorien: Blau steht für Kinderspiele, über deren Qualitäten eine eigene, getrennte Jury beraten hat. Die Farbe Rot kennzeichnet Spiele für alle Menschen. Der Einstieg in diese Spielsysteme ist auch für Leute gut zu bewältigen, die nicht ganz so bewandert im Umgang mit Spielen sind. Anthrazit richtet sich an Spielerinnen und Spieler, die schon etwas erfahrener im Erlernen und taktisch versierter in der Anwendung von Spielregeln sind.

Die achtköpfige Jury für das „Spiel des Jahres“ und das „Kennerspiel des Jahres“ hat sich dieses Jahr dafür entschieden, 17 Spiele besonders herauszustellen. Einer der wichtigsten Trends des Jahrgangs war sicher der Auftritt der kooperativen „Escape-Room“-Rätselspiele auf der Bühne des Spielemarktes. Gleich mehrere Verlage haben diesen Trend aufgenommen. Im Vorfeld der diesjährigen Klausur wurde die Frage an uns herangetragen, ob solche Rätselspiele denn überhaupt Spiele im Sinne unserer Kriterien seien.  Selbstverständlich sind es Spiele im Sinne unserer Kriterien. Weil man sich in solchen Spielen aber an einmalige Lösungen heranarbeitet, sind sie halt nicht wiederholbar. 

Es ist für die Jury nicht möglich, eine gesamte Spiele-Reihe zu empfehlen oder zu nominieren, in der auch in Zukunft weitere Titel erscheinen werden, da die Jury die Qualität der zukünftigen Titel ja noch nicht beurteilen kann. Deshalb kann sich die Jury in ihrer Empfehlung nur auf einzelne, schon erhältliche Titel beschränken. Alle drei zum Zeitpunkt unserer Beurteilung vorliegenden Titel der Reihe „Exit – das Spiel“ sind hervorragende Rätselspiele und haben die Jury auch einzeln überzeugt. Deshalb wollten wir nicht einfach nur einen Titel stellvertretend herausgreifen. Die Jury hat gleich die ersten drei Titel und ausschließlich die ersten drei Titel der Kosmos-Reihe „Exit – Das Spiel“ als Spielkonzept zum „Kennerspiel des Jahres“ nominiert. Da solche Rätselspiele ein gewisses Maß an Erfahrung voraussetzen, war es für uns klar, dass sie in unsere anthrazitfarbene Kategorie gehören. 

Die beiden anderen für das „Kennerspiel des Jahres 2017“ nominierten Spiele kommen aus dem Schwerkraft-Verlag. In „Terraforming Mars“ versuchen die Spieler als Repräsentanten mächtiger Konzerne über Generationen hinweg den Mars so umzugestalten, dass er für Menschen bewohnbar wird. Und „Räuber der Nordsee“ entführt mit einem originellen Worker-Placement-System in die wilde Zeit der Wikinger, wo clever zusammengestellte Boots-Mannschaften mit Plünderfahrten ihrem Häuptling imponieren wollen.

Ganz allgemein war die Jury auch in diesem Jahrgang beeindruckt von der großen Vielfalt an Themen und der Emotionalität, die viele Spiele durch das Eintauchen in tiefgründige Geschichten erzeugen: Im Kennerspiel-Bereich empfehlen wir auch noch einen Western („Great Western Trail“), ein U-Boot-Abenteuer („Captain Sonar“), eine Fantasy-Herausforderung  („Das Grimoire des Wahnsinns“) sowie ein kooperatives Teamspiel um Freundschaft und Zusammenhalt, das in den Schützengräben des 1. Weltkriegs spielt. Mit der Empfehlung von „Les Poilus“ honoriert die Jury den sensiblen Umgang der Spielautoren mit einem sehr heiklen Thema, womit eine außergewöhnlich spannende und atmosphärisch dichte spielerische Herausforderung geschaffen wurde. Augenfällig war in diesem Jahr überhaupt auch wieder der Trend zu kooperativen Spielen, was von der Jury entsprechend gewürdigt wurde. 

Drei extrem unterschiedliche Spiele sind zum „Spiel des Jahres“ nominiert: Bei „Kingdomino“ errichten die Spieler in einem relativ einfachen, aber doch gewitzten Legespiel ein Königreich aus verschiedenen Landschaften. Im hektischen Kooperations-Spiel „Magic Maze“ versuchen Fantasy-Helden in Echtzeit gegen eine unerbittliche Sanduhr in einem Einkaufszentrum ihre gestohlene Ausrüstung wieder zu beschaffen, ohne dass sie dabei miteinander reden dürfen. Und „Wettlauf nach El Dorado“ ist eine Kombination aus Deckbau und Wettrennen, bei dem mehrere Expeditionen auf der Jagd nach geheimnisvollen Schätzen gut geplant und möglichst schnell durch verschiedenartige Botaniken hetzen. 

Die Empfehlungliste in der roten Kategorie wurde mit Spielen aus möglichst verschiedenen Bereichen, Preisklassen und Formaten ergänzt: Ein abstraktes Denkspiel („Shiftago“), ein Zwei-Personen-Spiel für motorisch geschickte Leute („Klask“), ein lustiges und sich immer wieder veränderndes Sammelspiel für die ganze Familie („Fabelsaft“), ein Bluff-Spiel für größere Gruppen von bis zu 10 Mitspielern („Tempel des Schreckens“), kurzweilige kleinformatige Fun-Spiele fürs Gedächtnis („Déja-vu“) und die Konzentration („Do De Li Do“) und ein Partyspiel um Kommunikation, bei dem jedoch nur sehr beschränkt kommuniziert werden darf („Word Slam“). 

Wie fast immer, hat die Jury nicht in allen Fällen die Altersangaben und aufgeführten Spieldauern der Verlage übernommen, sondern sie in ihren Empfehlungen geändert, wenn sie nicht den eigenen Spielerfahrungen entsprachen. Formal habe wir Spiele berücksichtigt, die in den letzten beiden aktuellen Kalenderjahren im deutschsprachigen Raum auf den Markt kamen. Ausschlaggebend ist dabei bei internationalen Produzenten nicht die erste in Deutschland erhältliche Kleinauflage, sondern der Zeitpunkt eines sichergestellten Vertriebs einer deutschsprachigen Ausgabe. Dass ein Spiel aufgrund einer großen Nachfrage zwischenzeitlich vergriffen ist, macht es trotzdem wählbar, falls eine neue Auflage bereits wieder angekündigt oder in Produktion ist. Wir sind uns bewusst, dass auch andere großartige Spiele des Jahrgangs auf unseren Listen fehlen, mussten uns aber beschränken.

Welche Titel das „Spiel des Jahres“ und das „Kennerspiel des Jahres“ gewinnen, entscheidet sich erst in zwei Monaten, nämlich am Montag, 17. Juli 2017, an einer Preisverleihung in Berlin. Der Event wird auch dieses Jahr wieder per Live-Stream übertragen. Bis dahin wünschen wir gute Unterhaltung bei möglichst vielen leidenschaftlichen Spielrunden. 

 
Tom Felber
1. Vorsitzender Spiel des Jahres