Kommentar des Jury-Vorsitzenden Tom Felber zum Spielejahrgang 2018

Wir haben es wieder gemacht, nämlich ein Jahr lang Hunderte Spiele gespielt und zum Schluss eine Liste mit besonders interessanten, kurzweiligen, spaßigen, originellen und innovativen Titeln zusammen gestellt, unter denen jeder spielende Mensch mit Garantie ein Spiel findet, das ihm, seiner Familie oder seinem sozialen Umfeld Freude bereitet. Es war ein starker Jahrgang: 23 Titel haben es letztlich auf unsere Listen geschafft, es hätten aber problemlos einige mehr werden können. Wir sind uns bewusst, dass andere großartige neue Spiele fehlen, mussten uns aber beschränken.

Leider verstärkt sich der Eindruck, dass immer mehr auch sehr gute Spiele mit der heißen Nadel auf den letzten Drücker auf einen Veröffentlichungstermin hin gestrickt werden müssen, ohne dass der Verständlichkeit und Vollständigkeit der Spielregeln genügend Beachtung geschenkt worden ist. Wir haben wohl noch nie so viele an und für sich wirklich gute Spiele aussortiert wie in diesem Jahr, weil einfach ihre Spielregeln nicht die von uns geforderte Qualität erfüllten. In der Rolle von Beta-Testern für Spielregeln, die dann erst für eine zweite Auflage von den Verlagen passend gemacht werden, wollen wir Jurymitglieder uns einfach nicht mehr sehen. Mehrfach haben wir auch Altersempfehlungen und Angaben der Hersteller zu den Spieldauern auf unseren Empfehlungslisten abgeändert, weil sie einfach nicht unseren gemachten Erfahrungen entsprachen.

Unsere Empfehlungs- und Nominierungslisten sind traditionell dreigeteilt: Die Farbe Blau steht für Kinderspiele, denen sich wiederum eine separate Jury angenommen hat. Zu dieser Liste hat die Koordinatorin der Kinderspieljury, Sabine Koppelberg, einen eigenen Kommentar verfasst. Die Farbe Rot kennzeichnet Spiele für alle Menschen, insbesondere auch für Leute, die wenig Erfahrung mit Spielen haben. Auch für sie sollte der Einstieg gut zu bewältigen sein. Anthrazit richtet sich an Spielerinnen und Spieler, die schon etwas erfahrener im Erlernen und taktisch versierter in der Anwendung von Spielregeln sind.

Das Auffälligste an der achten Liste, die unter meinem Jury-Vorsitz zusammengestellt worden ist, zuerst: Zum ersten Mal seit 2010 vergibt die Jury „Spiel des Jahres“ wieder einen Sonderpreis. Er geht an das Spiel „Pandemic Legacy - Season 2“ von Matt Leacock und Rob Daviau. Dreimal standen Vorgänger-Spiele, die aus demselben spielerischen Grundsystem heraus geboren worden waren, in der Vergangenheit bereits auf unseren Nominierungslisten, ohne dass sie jeweils den Hauptpreis gewannen: 2009 „Pandemie“, 2011 „Die verbotene Insel“ und 2016 „Pandemic Legacy Season 1“. In „Pandemic Legacy - Season 2“ wurde das bereits geniale Spielprinzip auf einem Top-Niveau weiter entwickelt. Die Autoren haben nicht nur Wert auf ein funktionierendes Spielsystem, sondern auch auf eine interessante Hintergrundgeschichte gelegt. Das Legacy-Prinzip verändert in spannender und manchmal überraschender Weise den Spielplan, die Spielkomponenten und die Regeln ständig. An diesem Spiel werden sich alle zukünftigen Legacy-Spiele messen lassen müssen. Die herausragende Leistung des Autorenduos würdigt die Jury mit einem Sonderpreis.

Die in diesem Jahr zehnköpfige Jury für das „Spiel des Jahres“ und das „Kennerspiel des Jahres“ empfiehlt weitere 14 Spiele: In ihnen werden oft bekannte Elemente auf überraschende Weise variiert oder sogar elegant vereinfacht, wodurch Neues und Eigenständiges entstanden ist. Wieder bildet die Liste eine breite Vielfalt von Themen, Spielgenres, Systemen und Formaten ab. „Santorini“ empfehlen wir als reines Zwei-Personen-Spiel. Mit „Facecards“ haben wir ein kleines, lockeres Partyspiel auf die Liste gepackt, „Woodlands“ appelliert an das logische bildliche Vorstellungsvermögen. „Memoarrr!“ benötigt ein gutes Gedächtnis, „5-Minute-Dungeon“ ist kooperative Team-Arbeit unter Zeitdruck und „Majesty“ ein klassisches Optimierungspiel. Im anspruchvolleren Bereich gibt es ein Deckbau-Spiel im Fantasy-Genre („Klong!“) und ein strategisches Western-Abenteuer („Pioneers“). 

 

In den beiden Kategorien „Spiel des Jahres“ und „Kennerspiel des Jahres“ haben wir erneut je drei Titel für die Hauptpreise nominiert: Den Spielen in der roten Kategorie ist gemeinsam, dass sie sehr einfach daher kommen und sich ihre wahre Spieltiefe erst nach mehreren Partien offenbart. Mit „Azul“ haben wir ein ruhiges, abstraktes Legespiel mit schönem Material gewürdigt. „Luxor“ ist ein taktisches Wettrennen um das Einsammeln von Schätzen im klassischen Ägypten und „The Mind“ ein rudimentär vereinfachtes kooperatives Kartenspiel mit genialem Kniff in einer kleinen Schachtel. In der Kategorie Kennerspiel wird der Preisträger unter dem anspruchsvollen Würfelspiel „Ganz schön clever!“, dem taktischen Bierbrauspiel „Heaven & Ale“ und der emotionsgeladenen Push-your-luck-Sinfonie „Die Quacksalber von Quedlinburg“ ausgemacht. 

Wir haben bei der Zusammenstellung der Listen auf die Qualität der Spiele und Spielerlebnisse und nicht auf Verlage und Autoren geachtet. Am Ende ist es aber unübersehbar: In den sechs Nominationen werden zwei Autoren ganz besonders gewürdigt. Der österreichische Newcomer Wolfgang Warsch ist gleich mit drei, aber vollkommen unterschiedlichen Titeln vertreten („The Mind“, „Ganz schön clever!“ und „Die Quacksalber von Quedlinburg“). Altmeister Michael Kiesling, der in der Vergangenheit mit „Tikal“ und „Torres“ schon zweimal zusammen mit Wolfgang Kramer das „Spiel des Jahres“ gewann, ist zweimal nominiert. Einmal als alleiniger Autor mit „Azul“ und einmal als Co-Autor zusammen mit Andreas Schmidt mit „Heaven & Ale“. Ergänzt werden die Nominationen durch Rüdiger Dorn, der 2014 mit „Istanbul“ auch schon einmal das „Kennerspiel des Jahres“ gewonnen hat.   

 

Formal haben wir Spiele berücksichtigt, die in den letzten beiden aktuellen Kalenderjahren im deutschsprachigen Raum auf den Markt kamen. Ausschlaggebend ist dabei bei internationalen Produzenten nicht die erste in Deutschland erhältliche Kleinauflage, sondern der Zeitpunkt eines sichergestellten Vertriebs einer deutschsprachigen Ausgabe. Dass ein Spiel aufgrund einer großen Nachfrage zwischenzeitlich vergriffen ist, macht es trotzdem wählbar, falls eine neue Auflage bereits wieder angekündigt oder in Produktion ist.

Welche Titel das „Spiel des Jahres“ und das „Kennerspiel des Jahres“ gewinnen, entscheidet sich erst in zwei Monaten, nämlich am Montag, 23. Juli 2018, an einer Preisverleihung in Berlin. Der Event wird auch dieses Jahr wieder per Live-Stream übertragen. Die Wartezeit bis dahin kann übrigens mit Spielen auf einfache Weise verkürzt werden.

Tom Felber
1. Vorsitzender Spiel des Jahres