Spieleautoren-Stipendium 2016/17

Praktikumsbericht Teil 1: Spieleautor Jens-Peter Schliemann

Von Marco Kujat

Der erste Teil meines Autorenstipendiums bestand aus einem Besuch bei dem hauptberuflichen Spieleautor Jens-Peter Schliemann. Eine Woche lang hat Jens-Peter mir gezeigt, an welchen Projekten er zur Zeit arbeitet und mir dabei einen umfangreichen Einblick in die Arbeit als Spieleautor gegeben.

Zu Beginn der Woche haben wir eine Grundschule besucht, an der mit Bernd Poloczek und Uta Krüger zwei Spieleautoren arbeiten, mit denen Jens-Peter das Bauspiel „Talo“ entwickelt hat. Auf der Basis des Materials dieses Spiels arbeiten die drei an der Entwicklung von Lernspielformen für Grundschüler, mit denen den Kindern ein einfacherer Zugang und ein besseres Verständnis für Zahlen vermittelt werden soll. Dieses Projekt wird außerdem wissenschaftlich begleitet von der Professorin für Didaktik der Mathematik Kerstin Tiedemann. Durch die wissenschaftliche Begleitung des Projektes, entstehen außerdem einige Masterarbeiten zu dem Thema. So kam es dazu, dass wir an diesem Tag einige entwickelte Spielformen mit einer Schülergruppe unter Aufsicht der Studierenden testen konnten. Da ich mich bisher weder mit Kinderspielen noch mit Lernspielen befasst hatte, war es sehr spannend für mich zu sehen, welchen Unterschied es für die Motivation hat, wenn den Schülern Aufgaben in spielerischer Form vermittelt werden. Der Lerneffekt war unmittelbar beobachtbar und so habe ich zum ersten Mal mit einer ganz anderen Möglichkeit dessen zu tun gehabt, was ein Spiel leisten kann. Die Besuche in der Schule nutzt Jens-Peter aber auch um andere seiner Ideen direkt darauf zu prüfen, ob die Kinder sie annehmen. Dabei habe ich schnell gelernt, dass es bei Kinderspielen wesentlich mehr auf das Beobachten der Reaktionen ankommt, da man häufig kein unmittelbares reflektiertes Feedback, wie von Erwachsenen Testspielern erwarten kann.
Am Abend haben sich alle beteiligten des Talo-Projektes getroffen und ihre bisherigen Erfahrungen ausgetauscht. Da gerade sechs Masterabeiten mit unterschiedlichen Schwerpunkten zu dem Projekt verfasst werden, wurden sehr unterschiedliche Blickwinkel auf das Projekt erörtert. 

Am Dienstag habe ich Jens-Peter zu Hause besucht und wir haben nach einem gemeinsamen Frühstück lange über seine Arbeit und die Abläufe in der Zusammenarbeit mit den Verlagen gesprochen. Dabei konnte er mir sehr viele Tipps geben, sei es was die Kontaktaufnahme mit den Verlagen angeht oder die Vertragseinzelheiten, die man als Spieleautor unbedingt beachten sollte. Dabei haben wir weitere Ideen für ein weiteres Lernspielzeug ausprobiert, an dem Jens-Peter zur Zeit arbeitet. Ansonsten stand der Tag ganz im Zeichen der bisherigen Veröffentlichungen von Jens-Peter. Da ich mich im Kinderspielebereich bisher überhaupt nicht auskannte, war das ein sehr wertvoller Einblick für mich. Besonders interessant fand ich es die einzelnen Entwicklungsstufen und Prototypen des Spiels „Glupschgeister“ von Jens-Peter Schliemann und Bernhard Weber zu sehen. Die kreativen Prozesse der Entstehungsgeschichte waren so sehr gut für mich nachzuvollziehen.
Im Laufe der Woche bekam ich außerdem mit, wie Jens-Peter einen Plan für ein Seminar an einer Hochschule aufstellte oder angepasste Versionen für Spieleerscheinungen im Ausland entwickeln musste. 

Da Jens-Peter alle seine Projekte in Zusammenarbeit mit anderen Autoren angeht, standen in den nächsten Tagen einige Besuche bei seinen Kooperationspartnern an und wir spielten einige Testrunden der aktuellen Prototypen der Spiele, die sich zur Zeit in der Entstehung befinden. Dabei wurde nach jeder Runde an der ein oder anderen Schraube der Spielmechanik oder des Materials gedreht und man hatte immer das Gefühl einen ganzen Schritt weiter gekommen zu sein. Sehr außergewöhnlich habe ich dabei die Reduzierung eines Spiels auf die reine spielmechanische Theorie empfunden. Bei dem Spiel, welches ich in einer ersten Runde bereits in vollem Design und mit ganzer Story kennen gelernt habe, haben sich durch diese Reduzierung noch einige Probleme gezeigt, die in vorherigen Testrunden versteckt geblieben waren. Es lohnt sich also manchmal einen Schritt in der Entwicklung zurück zu machen, um bestimmte Schwierigkeiten zu identifizieren. 

Die Woche war sehr lehrreich für mich und zugleich sehr motivierend den Weg als Spieleautor weiter zu gehen. Ich war von der Vielseitigkeit, die der Beruf haben kann sehr überrascht und kann mich nur bei Jens-Peter für eine wirklich schöne Woche bedanken! 

Teil 2: Praktikum im Deutschen Spielearchiv
Teil 3: Praktikum beim Ravensburger Spieleverlag
Teil 4: Praktikum in der Spieleburg Göttingen