Spieleautoren-Stipendium 2016/17

Praktikumsbericht Teil 4: Spieleburg Göttingen

Von Marco Kujat

Der letzte Teil meines Autorenstipendiums führte mich in die „Spieleburg“ in Göttingen und somit zurück an den Ort, wo mit dem Gewinn des Förderpreises alles begann. In dem Spiele- und Spielwarenladen von Arne Soltendieck bekam ich als letztes Puzzlestück in meinem Rundumblick der Spielebranche einen Eindruck davon, wie der Alltag im Einzelhandel und damit auf der Ebene unmittelbar vor dem Spieler selbst aussieht. 

Die Spieleburg ist nach mehreren Umzügen und damit verbundenen Vergrößerungen längst kein reiner Spieleladen mehr, sondern beherbergt auch andere Spielwaren, sowie inzwischen auch Comics. Das besondere an der Spieleburg ist dabei der enge Kontakt und die hervorragende Beratung der Kunden. Ich habe schnell gemerkt, dass die Mitarbeiter ein außergewöhnliches Wissen über ein sehr breites Sortiment haben und dabei zu den meisten Spielen sogar Regelfragen erläutern können. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um ein Kinderspiel oder das neueste Szenespiel der Vielspielerszene handelt. Ein Wissen, dass mir für eine dem Laden angemessene Beratung fehlte und das ich mir auch in der kurzen Zeit hier nicht aneignen konnte. Außer diesen Beratungsgesprächen, die manchmal eher in Fachgespräche übergingen, konnte ich aber an dem Großteil der anfallenden Aufgaben aktiv teilhaben. So war das Erste, was ich in der Spieleburg erlernen durfte der Umgang mit der Kasse und ich wurde auch direkt auf die ersten Kunden zu kassieren losgelassen, was sicherlich nicht in jedem Einzelhandelsgeschäft üblich ist. Ansonsten durfte ich die üblichen anfallenden Aufgaben übernehmen. Dazu gehört die Überprüfung von Lieferungen, das Auszeichnen der Ware mit Preisen, Regale einräumen, Geschenke verpacken, Lagerbestände prüfen,... Alles was eben anfällt. 

Eine besonders schönes Angebot der Spieleburg finde ich die Geburtstagskisten. Dabei gehen die Kinder einige Zeit vor ihrer Geburtstagsfeier mit den Eltern in den Laden und dürfen sich eine Kiste zusammenstellen, mit Dingen, die sie gerne zum Geburtstag geschenkt bekommen würden. Diese Kiste wird dann mit Namen und Datum der Feier versehen und in das Geburtstagregal gestellt. In der Zeit bis zu der Party können nun die Angehörigen des Kindes im Laden vorbeikommen und Dinge aus dieser Geburtstagskiste kaufen. So ist sichergestellt, dass die Kinder nur Dinge bekommen, die sie auch gut finden und dass die Geschenke nicht doppelt gekauft werden.

Aus Autorensicht fand ich es jedoch spannender, mit welchen Vorstellungen Kunden in den Laden kamen, und welche Spiele sich besonders häufig verkaufen. Da die Spieleburg durch ein sehr breites Sortiment besticht, ist mir dabei schnell aufgefallen, dass die Stückzahlen einzelner Spieletitel, die in meiner Zeit hier verkauft wurden, meist doch relativ gering ist. Während kleine niedrigpreisige Mitbringspiele noch recht häufig über die Ladentheke gingen, auch wenn die Kunden die entsprechenden Spiele vorher nicht kannten, sah es bei den Vielspielerspielen eher so aus, dass die entsprechenden Kunden mit einer klaren Vorstellung in den Laden kamen und gezielt nach einem Spiel nachgefragt haben. Allerdings gab es auch einige (vornehmlich Stammkunden), die sich auch bei den anspruchsvollsten Titeln auf die Expertise der Mitarbeiter verlassen haben. Da meine Praktikumswoche zeitlich in einen großen Trend gefallen ist, wurde das Bild im Laden ebenso wie auf den Schulhöfen außerdem ganz stark von Fidget Spinnern geprägt. 

Ein großes Thema der Spieleläden ist natürlich, wie in anderen Branchen auch, die Konkurrenz durch den Internethandel. Wer allerdings das Glück hat einen Laden, wie die Spieleburg in seiner Nähe zu haben, wird bei einem Besuch schnell zu der Überzeugung kommen, dass es bei der Entscheidung zwischen Internethandel oder Fachgeschäft um mehr geht, als nur den reinen Preiskampf. Das Erlebnis, die Beratung und das Treffen von Leuten mit den gleichen Interessen, machen den Besuch in der Spieleburg zu etwas besonderem. Dazu tragen auch die zahlreichen Abendveranstaltungen des Ladens bei. So gibt es viele thematisch unterschiedliche Spieleabende, die meist für jedermann offen sind. Seien es Abende für Tabletop-Spiele, für Sammelkartenspiele oder auch offene Spieleabende, an denen auch gerne Familienspiele ausgepackt werden. Dabei war es schön zu sehen, wie der Laden für die Leute eben viel mehr als nur ein Geschäft ist.

Abschließend kann ich sagen, dass die Woche in Göttingen mein Stipendium sehr schön abgerundet hat und der Blick auf die Spielebranche von Händlerseite eine wichtige Erfahrung für meine weitere Autorenarbeit sein wird. Nun geht es auch schon wieder zum nächsten Göttinger Spieleautorentreffen und ich freue mich darauf, an der Auswahl meines Nachfolgers beteiligt sein zu dürfen.

 

Teil 1: Praktikum bei Spieleautor Jens-Peter Schliemann
Teil 2: Praktikum im Deutschen Spielearchiv
Teil 3: Praktikum beim Ravensburger Spieleverlag